David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Liegt er nur oder fällt er schon? Oder: Und, was lest ihr gerade so? 08. November 2021

Während meiner gymnasialen Oberstufenzeit hatte ich unter zwei Deutsch-LK-Lehrerinnen zu ächzen. Die wie ein Klon der jeweils anderen wirkten. Beide weit über 50, Kettenraucherinnen, mittellange, etwas strähnige Haare, gelblich gegerbte Haut. Beseelt, ach was sage ich denn: getrieben von einem zynischen Feminismus, unter dem auch – wie das halt so Tradition ist bei Altfeministinnen – junge Frauen zu leiden hatten. Derweil man als junger Mann am besten gleich flüchtete, vorausgesetzt natürlich die Beine spielten mit. Und blockierten nicht vor Angst.

Wussten Sie, dass nicht nur Verbrecher gerne den Ort ihres Verbrechens erneut aufsuchen, sondern auch Traumatisierte immer wieder ihrem eigenen Trauma hinterherhängen. Nur so lässt es sich erklären, dass mir meine beiden Lehrerinnen dieser Tage aus der internationalen Presse entgegenschauten. „Alter!“ raunte ich, um mich dann schnell – ständige Klatscher auf den Hinterkopf bringen eben doch was – gendersippenhaftig zu verschlimmbessern: „Alte!“. Keine Sorge, eingenässt habe ich mich nicht in jenem Moment, einige Fingernägel musste aber abgebissen dran glauben.

Nein, es waren selbstverständlich nicht meine Lehrerinnen, die da mit Fluppe in Händen aus der Zeitung griesgramten, es war Patrica Highsmith. Die texanische Krimiautorin hat sehr emsig Tagebuch geführt, offenbar immer darauf spekulierend, dass es posthuman veröffentlicht wird – ein Gefallen, den der Diogenes Verlag ihr dieser Tage auch getan hat. Da mich Krimis lange Zeit nicht interessierten und mein Herzensplatz für krimischreibende Frauen auf ewig an die eine und einzige Angela Lansbury vergeben ist, war mir Frau Highsmith bisher immer egal. Wenn ich mir die Cover so betrachtete,-ahnte ich überdies Übles. Als Kind der 90er Jahre kriege ich allein bei der Nennung von“Mr. Ripley“ Ausschlag und überhaupt arbete ich mich seit einiger Zeit schon an der kompletten Veröffentlichungsreihe einer anderen krimiesk-dunkelmütigen Zynikerin und Diogenes-Autorin ab: Amélie Nothomb. Pflichtschuldigst habe ich mir dennoch die diversen Biografie-Artikel durchgelesen. Und war beeindruckt. Wow. Eine Frau, so spröde und unbeugsam, egoistisch und ungerecht wie…wie…eine Deutsch-Leistungskurslehrerin. So weit, so freiheitsbwegend bürgerrechtlich. Dass die bekennende Lesbierin wenig gute Haare an Männern ließ kann ich persönlich verschmerzen, schon eine meiner beiden Lehrerinnen verglich mich vor versammeltem Kurs mit Kafka, um dann fies grinsend hinzuzufügen, dass damit nicht meine literarischen Leistungen gemeint seien. Schwieriger ist es natürlich bei Gruppen, denen ich nicht angehöre. Sagen wir so: Frau Highsmith belegte Afroamerikaner und Juden mit Urteilen und Sätzen, die anno 2021 eine jede literarische Ambition von vorneweg im Cancelsumpf ersticken würde. Der Diogenes Verlag hat in seiner erwähnten Tagebuchausgabe ordentlich daran herumgekrampft, wie übersetzen, was auslassen, einfach streichen? Und hat offenbar ordentlich rumfuhrwerkt, da Patricia Highsmith – sie wird mir in ihrer unsympathischen Art immer sympathischer! – noch eine war, die halbwegs offen aussprach, was sie denkt (die Älteren erinnern sich an diesen Charakterzug, das galt im letzten Jahrhundert zumindest im Westen noch als normal).

Kurzum: Ich hätte wahnsinnig Interesse an diesem Tagebuch gehabt, bin jedoch gegen jegliche Art von Orwelligkeit. Wer an der Vergangenheit rumpoliert, versündigt sich an der Zukunft. Aber: Lesen werde ich die Romane der spröden und paffenden Männerfeindin Highsmith nun doch. Ich muss einfach! Das klingt charakterlich einfach so toll daneben, dass es mich, ehm, an zwei, ehm, prägende Frauen meiner Schulzeit erinnert. Apropos, wußten Sie eigentlich, dass Traumatisierte… immer wieder… zum Ausgangspunkt ihres Traumas… zurückkehren?

Und da ich weiß, dass die Frau viele Leser hat, die Fragen aller Fragen: Was habt ihr von ihr gelesen? Und womit würdet ihr starten?

Viele Grüße,

David Wonschewski

Ein Kommentar zu “Liegt er nur oder fällt er schon? Oder: Und, was lest ihr gerade so? 08. November 2021

  1. Bludgeon
    8. November 2021

    Ehrlich? Ich lebe weiter krimi-abstinent. Und das geht gut!
    Das Herumfälschen an alten Autoren und Zuständen – da sachsde wat.
    Aber wir nähern uns nun mal einer neuen Scholastik, was willste machen? Die Alternative wäre der Scheiterhaufen. Also der digitale, der Pranger.
    Das ist dann wie mit den Ketzern. Von allen gefeiert, von niemandem geschützt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. November 2021 von in Nachrichten, Und, was lest ihr gerade so? und getaggt mit , , , , , , , .
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