David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht. Soeben ausgelesen: Yishai Sarid – „Siegerin“ (2021)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sterne

Quizfrage an alle Oberschlaumeierinnen: Warum verbindet man Todgeweihten vor der Hinrichtung die Augen? Na? Na?!? Ich gebe zu, ich hätte es zwar zu beantworten gewusst – nur wäre meine Antwort falsch gewesen. Kleiner Tipp für alle Hirnknoblerinnen: Man macht das aus dem gleichen Grund, aus dem bei einem Erschießungskommando alle so fein in einer Reihe aufgestellte Todesschützinnen auf ein Kommando gleichzeitig schießen müssen. Wer noch immer nicht drauf kommt, kommt vielleicht drauf, wenn sie oder er sich vorstellt, was denn so anders wäre, wenn man bei der Delinquentin die Augenbinde wegließe und einfach nur eine Todesschützin auf sie anlegen ließe.

Wer, statt nach einer Antwort zu hirnen, sich nun fragt, warum man sich derlei fiese Fragen überhaupt stellen soll, wo doch Frieden immer und überall das Ziel ist, kann aufhören zu lesen. Und braucht auch gar nicht erst mit Yishai Sarids tollem, ich sage mal psychologischen Kriegsführungsroman „Siegerin“ beginnen. Verpasst dann allerdings so einiges.

Leute, die nie beim Militär waren, die vielleicht sogar eine regelrecht antimilitaristische Haltung haben, pflegen sich gerne lustig zu machen über diverse Dinge, die sie für plumpen Faschistenpopanz halten: die raspelkurz zu schneidenden Haare, dieses ständige Rumgeschreie im Befehlston, das fast schon neurotisch zu nennende Bettenmachen bis zur Penibilitätskotzgrenze, das ständige Stube fegen und Uniform richten, überhaupt all die überbordende Disziplin, das Einfordern von Gehorsam, diese kein Stück flachen Hierarchien. Was habe ich Witze darüber gehört, allesamt schlecht, weil ahnungslos. Denn dieser ganze vermeintliche Quatsch ist nicht von Idioten für Flachpfeifen entwickelt worden. Sondern kann den Unterschied machen zwischen eigenem Überleben und eigenem Tod.

Schon klar, wer nicht verfrüht sterben will, meldet sich einfach nicht zum Dienst an der Waffe. Doch ist es so einfach? Ganz abgesehen davon, dass viele Gesellschaften, was das betrifft, sich noch immer ein sexistisches Gedankengut leisten – jungen Männern also nicht die Option geben zu wählen – ist es nicht geklärt, ob weniger Soldaten automatisch weniger Tote bedeuten würden. Ich persönlich glaube es eher nicht, darum war ich ja beim Bund, Ende der 90er-Jahre. Leicht fiel mir die Entscheidung dafür seinerzeit jedoch nicht. Ich gehörte einem recht friedensbewegten Jahrgang an, Jacques Chirac und Saddam Hussein hatten voll reingehauen und so entscheiden sich von den knapp 40 Jungen meines Abiturjahrgangs nur vier für den Bund, alle anderen zogen den Zivildienst vor. Wie man sich denken konnte, wurde ich damals in manch ideologische Diskussion gezogen. Und es gab eine Frage, die ich dabei so oft hörte, dass sie mich irgendwann nur noch ermüdete: „Bist du dir sicher, David, dass du, wenn nötig, einen Menschen töten könntest?“. Wenn es Totschlagargumente gibt, dann gibt es auch Totschlagfragen. Die Frage, die mir seltsamerweise nie, nicht ein einziges Mal gestellt wurde lautete: „Sag‘ mal, David – hast du keine Angst, getötet zu werden?“. Jahre später las ich in einem Fachartikel, dass das „typisch nachkriegsdeutsch“ sei, Rekruten, die eine Frage immer zu stellen, die andere aber selten bis nie. Bei nahezu allen anderen Ländern ist es wohl andersherum. Nur bei uns ist es, offenbar historisch bedingt, verdreht. Wenig ängstigt die Deutschen so sehr wie die Aussicht, wieder Täter zu sein.

Das ist in Israel genau andersherum, ebenfalls historisch bedingt: Lieber tausendfach Täter werden als nur ein einziges weiteres Mal Opfer sein. Wer, wie ich, schon einmal längere Zeit in Israel lebte, weiß, wie durchmilitarisiert das Land ist. Allein an den Anblick ziemlich peppiger und wirklich fesch anzusehender junger Frauen und Männer, die in, man muss es so sagen, vollendeter Coolness gleichermaßen mit Sonnenbrille wie mit Waffe allüberall durch die Gegend schlendern ist ein Hinschauer der besonderen Art, an die sich selbst das konservative alemannische Gemüt erst mal gewöhnen muss. Man ist dort halt allzeit immerbereit. Ich weiß noch, wie bewundernswert ich diese unaufgesetzte Lockerheit im Umgang mit der ständigen Bedrohung zunächst fand. Bis mir ein etwas älterer Israeli erzählte, dass die Bürger keines anderen Landes auch derart locker im Anhäufen privater Schulden sind. Und ja, da besteht ein psychologisch nun gar nicht so schwierig zu erfassender Zusammenhang. Dass ich mich heute als „pro-israelisch“ bezeichne – was nichts mit anti-arabisch zu tun hat, auch wenn es gerne so dargestellt wird – hat auch damit zu tun, dass mir seinerzeit klar wurde, dass Israel und Deutschland psychologisch miteinander verbunden sind wie vielleicht keine zwei anderen Länder es je waren. Wie zwei Seiten ein und derselben Medaille, vielleicht sogar ein bisschen wie die Sache mit dem Ying und dem Yang. Womit ich ganz wunderbar an der beschämenden Tatsache vorbeigelabert habe, dass ich es bis heute – Gott sei Dank – nicht weiß. Ob ich in einer Notsituation einen Menschen erschießen könnte. Was schon daran liegt, dass das Wort „Notsituation“ sehr flexibel definiert werden kann.

Der Roman „Siegerin“ ist für mich deswegen das erste große Highlight des laufenden Jahres, da der israelische Autor Yishai Sarid hier in lockerer Erzählweise die richtig tiefen Psychologiebretter bohrt. Und sich mit der Frage des institutionalisierten und somit erlaubten militärischen Tötens auf individueller Ebene beschäftigt. Was ein zeitgenössischer Israeli per se viel besser kann als ein Deutscher, aus dem simplen Grund, dass es uns seit Jahrzehnten zu gut geht, um bei einem Wort wie „Bedrohung“ auch nur im Ansatz glaubwürdig mitreden zu können. Genau das macht uns ja global so unbeliebt – dass aus den ehemaligen Nazis derart moralinsaure Plagegeister geworden sind.

Abigail ist Psychologin, berät seit Jahrzehnten das israelische Militär. Therapiert dabei zuvorderst nach Einsätzen traumatisierte Soldaten. Eine Expertise, die die Militärführung irgendwann auf den Trichter bringt, dass sie doch gewiss dabei helfen könnte, Traumatisierungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Tja, und wie macht man das? Theoretisch ganz einfach: junge Soldaten und Soldatinnen in der Ausbildung mental dahin zu trainieren mit all den Grausamkeiten, die einem auf den Schlachtfeldern und im Häuserkampf so begegnen können, besser klar zu kommen. Was letztlich auch bedeutet: einem Gegner die Kehle durchzuschneiden und dennoch weiterhin ein hübsches Leben führen zu können. Sich von kreischenden Kindern und jammernden Frauen nicht tiefer gehend beeindrucken zu lassen.

Das Töten zu erleichtern.

So weit, so schlecht. Denn Abigail ist Psychologin, eine sensible Frau, die einst lostrabte Menschen zu helfen, zu retten. Deren Vater, selbst Psychologe, sie immer davor warnte sich nicht an den falschen Arbeitgeber zu verkaufen. Und die selbst einen nunmehr volljährigen Sohn hat, der gerade einberufen wurde und nichts Besseres zu tun hatte, als sich freiwillig für einen der heftigsten Truppenteile zu melden, die Fallschirmjäger. Je höher Abigail durch ihre erfolgreiche Tätigkeit für die Armee auf der Karriereleiter stieg, desto tiefer sank sie moralisch. Ja oder nicht? Was ist Moral überhaupt angesichts einer wirklichen Bedrohungslage wie der Israelischen? Sie ist es doch, die die Söhne schützt – und diese ständigen Kriege mit den arabischen Nachbarn hat doch Israel nie gewollt!

„Siegerin“ ist kein Kriegsroman, auch brutale Szenen finden sich im Grunde gar nicht, wie überhaupt gesagt werden kann, dass es sich um ein sehr weibliches Buch handelt, was dem harten Thema denkbar guttut. Durch das Einsetzen einer Protagonistin gelingt es Sarid sich dem Thema des Tötens zu nähern, ohne in ermüdend-altbackenen Geschlechtsklischees zu stranden, ohne zu Heroisieren oder sich aschfahl zu rechtfertigen. Eine große Stärke des Romans ist, dass er komplett moralfrei daherkommt, knochentrocken und zugleich emotional ist, lehrreich aber nie belehrend. Was mich persönlich aber richtiggehend kickt ist, dass es Sarid gelingt, einen durchaus massentauglichen Roman in die Spur zu setzen, der, wie es so nett heißt, komplett gegen den Strich gebürstet ist. Nicht nur weil es hier eine Frau ist, die ihr eigenes Verhältnis zu Gewalt und ihre letztlich auch sexuelle Affinität zu gewaltbereiten Kerlen untersucht, sondern weil es das Thema Traumabewältigung nicht immer nur vom zerstörten Endpunkt aus betrachtet, sondern vom Anfang her denkt. Denn dass das Töten von Menschen menschlich ist, mag nicht jedem gefallen, ist jedoch leider nicht aus der Welt zu schaffen. Immer an das Gute und Schöne im Menschen zu appellieren ist mit Sicherheit aller Ehren wert, hat uns aber doch bisher nirgends hingeführt. Warum also nicht mal an das Böse im Menschen appellieren stattdessen? Den Menschen nicht nehmen, wie man ihn gerne hätte, sondern ihn nehmen wie er ist.

Das beste in deutscher Sprache getexte Antikriegslied dürfte Hannes Waders „Es ist an der Zeit“ von 1980 sein (die Melodie geht auf Bogles zurück), knapp gefolgt von Reinhard Meys „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ von 1986. Wer die Lieder nicht kennt, unbedingt anhören. Ich habe keine Söhne und auch der Erste Weltkrieg ist mir emotional verdammt fern. Eine Gänsehaut bekomme ich dennoch bei beiden Liedern bis heute, jedes verdammte Mal, wenn ich sie höre. Diese Gänsehaut habe ich bei „Siegerin“ nicht gekriegt. Klingt, als wenn mir bei Sarid also doch was fehlte. Stimmt nicht. Eine Gänsehaut hätte diesen fulminanten Roman kaputtgemacht.

Lesen Sie auch auf diesen Seiten: „Tanz auf Buchrücken“, der zwar feministische, dennoch halbwegs geschlechtergerechte Genderaustauch. HIER.

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2 Kommentare zu “Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht. Soeben ausgelesen: Yishai Sarid – „Siegerin“ (2021)

  1. Bludgeon
    15. April 2021

    Jau, auch was die beiden Antikriegshymnen betrifft.
    Ich hätte da noch ne dritte auch aus den frühen 80ern. Ich war von der Fahne zurück, voller Rachegelüste für überstandene Scheiße mitten im Frieden und dann lief DAS hier im Radio und mir auf’s Band:

    http://www.youtube.com/watch?v=ZJfNM4diG80

    Gefällt 1 Person

  2. Jannechie Groz
    15. April 2021

    Sehr interessant! Danke für den Lesetipp und fürs Teilen deiner persönlichen Erfahrungen zum Thema.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. November 2021 von in 2021, 5 Sterne, Nachrichten, Sarid, Yishai, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , .
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