David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Weg ist keine Richtung. Soeben ausgelesen: Jonathan Franzen – „Crossroads“ (2021)

von David Wonschewski

Da wurde ich dieser Tage von der Autorin Nikoletta Kiss mit der nicht unerheblichen Frage behelligt, warum Romane von Frauen immer nur „Frauenliteratur“ sind und Romane von Männern „Literatur“. Ja, ob denn Männer glauben, dass nur sie die gesamtgesellschaftlich wichtigen Dinge beschreiben und erörtern können, derweil Frauen zwangsläufig und immer nur bei Frauenkram stranden. Ja, ein weiteres großes Gendergespenst stand spukend und huibuhend mit einem Male im Raum, befördert nicht zuletzt vom aktuellen Buch von Nicole Seifert, welches da heißt „Frauen Literatur“ und das ich mich nicht zu lesen entschieden habe. Was, wir ahnen es, in unserer aufgehetzt vor sich hinsiedenden Gesellschaft schnell als patriarchales Schuldeingeständnis gewertet wird.

Frei nach der ungeahnt feministisch-aktuellen Monty Python-Weisheit „Sie war’s, sie war’s – er war’s, er war’s!“ habe ich mich meiner, nun, Erbschuld aber gerne gestellt, die beiden daraus resultieren Gespräche zu den unfassbaren Nachteilen, die Frauen im Literaturbetrieb zu erleiden haben, während meinereiner begleitet von Standing Ovations auf einer Sänfte gen Oslo getragen wird werden dieser Tage an den üblichen Tatorten veröffentlicht.

Was das mit Jonathan Franzen zu tun hat? Nun, der (mittlerweile halbwegs) alte weiße Mann hat es wieder getan. Einen Familienroman veröffentlicht. Ach, was sage ich denn, über 800 Seiten hat „Crossroads“, das ist mal weder so wuchtig, das ist fast schon eine Saga. Dabei hatte mir der Deutschlandfunk doch erst vor wenigen Monaten versprochen, dass die Zeit der alten weißen Männer, die glauben, die Schicksale ganzer Generationen erzählen zu können, vorbei sei. Ja, Pustekuchen, Franzen haut unbeirrt die nächste Version von etwas heraus, was er aktuell beherrscht wie vermutlich kein anderer: Vater-Sohn-Entfremdung, Mutter-Tochter-Zwist, sehnsüchtiges Aufwachsen kontra Midlife Crisis. Sechs Mitglieder zählt die Familie Hildebrandt, angeführt vom fremdgehwilligen evangelischen Pastor Russ und seine, man muss es so sagen, zunehmend verfettenden, so halbwegs den Haushalt schwingenden Ehefrau Marion. Es gesellen sich hinzu: der älteste Sohn Clem, der gerade die Schule beendet hat und sich mit einem Ungeheuer namens „Vietnam“ konfrontiert sieht, die fast Volljährige Tochter Becky, die mit ihrem guten Aussehen und ihrer überbordenden Beliebtheit nichts besseres anzufangen weiß, als sich an einen Möchtegernrocker zu hängen. Dann der pubertierende Perry, ein hochintelligenter Beinahe-Autist, der nur über Drogen einen Zugang zum echten Leben erhält. Und schließlich der 9-jährige Judson, bei dem die Welt, noch, größtenteils in Ordnung ist.

Moment: „Vietnam“? Ganz genau, wir befinden uns im Jahr 1971, die hohe Zeit der Hippies ist noch nicht ganz abgeflaut, die Gesellschaft – Kirchengemeinde inklusive – noch voll im Umbruch. Freiheit wird mit einem Male nicht nur neu definiert, nein, sie wird gänzlich neu verhandelt. Jonathan Franzen beschreibt anhand der Familie Hildebrandt, was diese wahrlich wilden Jahre nicht für die gesamte Gesellschaft bedeuteten, sondern auch für die kleinste Einheit die Familie. Er treibt seine Geschichte dabei aus je Kapitel wechselnden Perspektiven voran, abgesehen von Judson leiht er allen Mitgliedern Auge, Ohr, Herz und Mund. Was immer dann besonders faszinierend zu lesen ist, wenn wir uns durch die eine Person ein klares Urteil über eine Situation erlauben – um durch die Schilderung der anderen Person zu bemerken, dass es so einfach auch nicht ist mit den Werturteilen. Gerade Vater Russ ist, wie es sich für die Vatergeneration jener Jahre gehörte, ein zunächst hervorragendes Ziel. Nicht nur stellt er einer jüngeren Witwe nach, während seine Familie daheim vor die Hunde geht, nein, auch als Pastor erweist er sich als von einer altbackenen Selbstgerechtigkeit, die auch für den Leser kaum zu ertragen ist. Dass es zwei Teenagermädchen sind, die ihn in trotziger, wenn auch übertriebener „metoo“-haftigkeit einer Ächtung und beinahe Entlassung nahebringen hat in diesem Zusammenhang einen besonderen Reiz. Die Machtverhältnisse haben sich verändert.

Ja, wie immer bei Franzen gibt es auch in „Crossroads“ sehr viele feministische Ansätze, Ehefrau Marion, die sich zurück ins Leben kämpft, indem sie Russ daheim ganz wunderbar auflaufen lässt, Tochter Becky, die sich von Vater Russ und dem älteren Bruder Clem emanzipiert, ihren eigenen Willen durchsetzt, ihren eigenen Lebensweg wählt – auch wenn der sich letztlich als wenig souverän entpuppt. Dann aber sind da auch die männlichen Sichtweisen, die Franzen psychologisch sehr gut nachvollziehbar immer anführt. Dem Stinkstiefel Russ gegen Ende dann doch ein wenig Verständnis entgegenzubringen, doch, das ist schon eine literarische Kunst. Zu zeigen, dass auch eine Marion nicht immer nur Opfer ist, der Zerfall der Familie auch auf ihr Konto geht, trägt analytisch weit. Und dann ist da natürlich Clem. Hierzulande ist kaum bekannt, dass damals in US-amerikanischen Fernsehshows vor einem Millionenpublikum Lose gezogen wurde, um zu entscheiden, welche jungen Männer nach Vietnam müssen. Also in den Tod geschickt werden. Perfider geht es kaum. Und Clem ist so ein Losverlierer, er müsste rüber. Doch er hat einen Joker: Er wurde an der Uni angenommen, das bringt die Zurückstellung. Also alles gut? Nein, für ihn muss wer anderes nach Vietnam. Jemand, der nicht an die Uni kann. Und was für Jungen sind das in der Regel? Genau: Unterschicht, Schwarze. Zu Anfang macht Clem noch begeistert bei den wütenden Jugendprotesten gegen den Vietnameinsatz mit. Dann fällt ihm auf, dass das alles irgendwie nur reiche privilegierte Rich Kids sind, die da mitlaufen, Kerle, die sich allesamt drücken konnten oder Losglück hatten und Frauen, die echt glauben, Mut und Anstand zu beweisen, aber nie in Gefahr waren, dem Druck nicht ausgesetzt sind. Schlussendlich findet er diese ganze Friedensbewegung einfach nur ätzend und selbstgerecht – und meldet sich freiwillig für Vietnam. Ich hörte von Leuten, die in diesen Tagen was Ähnliches gleiche bei den Wohlstandskindern von Fridays for Future empfinden.

Mit derlei Nummern kriegt man mich immer, das Gute, das sich als Böses entpuppt, um hinterher doch noch etwas Gutartigkeit preiszugeben. Oder auch andersherum. Und ja, Franzen ist ein Meister, was das angeht, wie es ihm auch mühelos gelingt, die seelischen Nöte ganz unterschiedlicher Menschen gegen- und füreinander in Stellung zu bringen. Und vielleicht, um zum Beginn zurückzukommen, ist auch das der Grund, warum es aktuell „Frauenliteratur“ gibt. Da man solche Bücher, die allen Geschlechtern und allen Altersklassen gerecht werden, aus Frauenhand sehr selten findet. Autorinnen, die weibliche Sichtweisen schildern überschwemmen den Markt und zumeist geht damit eine Kritik am „Patriarchat“ einher, oft auch Forderungen. Das ist sehr okay, findet man aus Männerfeder andersherum aber sehr selten und wenn, dann nicht so explizit. Es ist richtig, dass mein Regal pickepackevoll ist mit Büchern von Autoren. Aber müsste ich eines rausziehen, wo es so ein bißchen um Männerrechte geht, ich müsste lange suchen, gibt es kaum. Ich würde dann wohl ausgerechnet das Buch einer Autorin empfehlen: Monika Maron – „Artur Lanz“. Jaja, hat schon seinen Grund, warum Frau Maron nicht unter Frauenliteratur läuft, sondern definitiv Literatur ist.

Natürlich gibt es sehr viele Autoren, die mittels männlicher Protagonisten ein Männerleben beschreiben, aber das ist eben selten Geschlechtspolitik. Und kann daher schwerer auf „Mann“ reduziert werden. Deswegen ist z.B. Bukowski auch keine Männerliteratur, obschon man versucht ist es bei ihm zu behaupten. Da ist zu wenig Opfergestus, zu wenig Ruf nach irgendeiner Gerechtigkeit, auch Frauenanklage ist da kaum zu finden, weswegen der Begriff der Frauenfeindlichkeit ja auch gerade bei ihm so kontrovers diskutiert wird. Bukowski ist Hobo-Literatur, die weiderum auch Frauen überraschend oft anspricht, da das ein generelles Menschenphänomen ist.

Ich sehe (wie gesagt: aktuell) selten bis gar nicht Bücher von Autorinnen, die sich ganz oder anteilig dem Schicksal eines Mannes verschreiben, die einen männlichen Protagonisten wählen, in ihn eintauchen, seine Probleme ausarbeiten, dabei auch bereit sind weibliche Fiesheit darzustellen. Erliege ich da einer selektiven Wahrnehmung? Möglich, klar. ich weiß lediglich, dass ich in den letzten zwei Jahren sehr viele Bücher von Autorinnen gelesen habe und mir locker fünfmal soviele Besprechungen angeschaut habe. Auf ein größeres Interesse von Autorinnen an Männerproblemen bin ich da so gut wie gar nicht gestoßen. Das gab es immer nur im Zusammenhang mit feministischen Forderungen, wenn man sich auf Fehlersuche bei Männern begab, um zu ergründen warum das Leben nicht so läft, wie es laufen sollte.

Und umso länger ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich den deutschlandfunk’schen Abgesang auf wuchtige Familienwerke von alten weißen Autoren, so wie eben Franzens „Crossroads“, das sich überwiegend leicht und spannend, psychologisch sehr interessant lesen lässt und nur hin und wieder unnötig langatmig auf der Stelle tritt. „Weg“ ist ja bekanntlich keine Richtung und so wäre es doch angenehmer, wenn Franzen weiter seiner Paradedisziplin nachgeht bis endlich Autorinnen kommen und ihn ersetzen. Auch derlei Bücher vorlegen. (Wer im Übrigen Büchern von Autorinnen kennt aus den letzten zwei Jahren, wo ich oben behauptete, so was gäbe es nicht – gerne Titel hier drunter posten. Ich bin noch keine 50, es gibt bei mir gewisse Chancen, eingefahrene Sichtweisen noch zu revidieren…meine Idee war nur eine erste vage Theorie und manchmal bin ich sogar regelrecht froh, wenn ich bei etwas nicht recht habe…)

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

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