David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Von Abknallenden und Abgeknallten. Soeben ausgelesen: Joseph J. Ellis – „George Washington“ (2004)

von David Wonschewski

Einerseits ist es schade, dass die Amis, zumindest in der Breite und Masse, sich so wenig für Europa interessieren, so wenig Ahnung haben von uns. Andererseits wissen wir Deutschen jetzt auch nicht so wahnsinnig viel mehr über Tschechien, Slowenien, Rumänien. 50 Prozent aller Deutschen antworten auf die Quizfrage, in welchem Land die Stadt Split liegt: „irgendwas mit Jugoslawien“. Die anderen 50 Prozent halten es für eine Fangfrage, schließlich ist Split eindeutig ein Eis, keine Stadt. Ignoranter geht es doch kaum.

Okay, das war jetzt übertrieben dargestellt, aber wohl nur ein wenig. Und ist auch nicht weiter schlimm, sondern das übliche „sich-für-den-Nabel-der-Welt-halten“-Problem. Leiden Staaten genauso drunter wie Menschen. Und wir Deutschen, tja, wir sind halt irgendwie die Amis von Europa. Ordnungsmacht, moralische Instanz in Sachen Werte, karitativ helfende Hand. Hach, die Arbeit hört nicht auf, wenn man sich die Lage außerhalb unserer Landesgrenzen so beschaut. Neeneenee, nur Ärger mit den Kleinen.

Tja, so schnell kann das gehen. Man meint es gut und wuppert von Ignoranz direkt in Arroganz. Nicht nur den Kleinen gegenüber, nein, auch den Großen. Und haut dann gegenüber den USA so Sachen raus wie „Das mit dem Rassismus haben wie hier genauso wie ihr drüben“ oder: „Bei uns gibt es genauso Idioten, die neuerdings denken man hätte ihnen ihr Land gestohlen“. Hm. Ich will mich jetzt nicht als USA-Oberkenner aufspielen, aber dass sich in einer solchen Meinung bodenlose – here we go – Arroganz und Ignoranz dem großen Bruder zu erkennen geben liegt auf der Hand. Einen feuchten Dreck wissen wir, erneut in der Breite und Masse, über die USA. Wir denken wir kennen die USA, aus nachvollziehbarem Grund, blubbert uns ja mehrfach täglich irgendwo irgendwas von dort entgegen, im Netz, im Radio, im TV, Kino (was war das nochmal?) sowieso. Gegenüber Slowenien sind wir negativ ignorant, gegenüber den USA positiv ignorant. Oder wie sonst lässt es sich erklären, dass wir die Waffenaffinität und Krankenversicherungsunlust der Amerikaner unter akuter Blödheit verorten? Ich will da gar nicht einmal so tun, auch ich war so einer. Mir fiel als Grund für derlei schon bizarre Attitüden nur akute Hirnrissigkeit ein, ein zu viel an Mickey Mouse und Arnold Schwarzenegger im Kopf. Der Schauspieler Charlton Heston, so viel war klar, hatte offenbar nie aus seiner „Planet der Affen“-Bedrohungslage herausgefunden, dass er meinte Vorsitzender der größten Waffenlobby der Welt, der NRA, werden zu müssen. Wer sich dauernd mit Gorillas umgibt kann schon mal paranoiahaft und schießwtig werden. Gilt auch für die Geschäftswelt.

Nun, seit zehn Jahren denke ich das nicht mehr. Ich finde es weiterhin wenig erbaulich, verstehe aber sehr gut, warum den Menschen in den USA die Knarre unterm Bett so wichtig ist. Dass es dabei nicht nur um testosterongesteuerte Sozialversager geht, die anders nicht an Selbstachtung kommen, sondern auch um viele Frauen, die dabei nicht unbedingt rein weibliche Selbstverteidigung im Sinn haben. Dass die Idee des Rechts auf eine Wumme in den USA identitäts-, sinn-, vielleicht sogar nationenstiftend ist.

Auch wenn es nicht so wirkt, wir sind längst bei George Washington, keine Sorge.

Vermutlich sind viele Leser dieses Beitrags längst viel weiter als eingangs beschrieben, werde ich doch hauptsächlich von Akademikern brillantem Universalwissen gelesen (das war zur Abwechslung mal keine Ironie, sondern Sehnsucht, ha). Diese plumpe Binsenweisheit gönne ich mir dennoch: Wenn dir dein Gegenüber als derart verquer erscheint, dass du schon bereit bist, das ultimativ Böse in ihm zu sehe, schaue ihn dir näher an, suche nach den Wurzeln. Und mehr Wurzel als George Washington geht bezüglich den USA bekanntlich kaum. Ich griff zu dieser Biografie, da mich dieses mir zunehmend seltsamer erscheinende Land USA mit ansteigendem Alter als immer faszinierender empfinde. Und ich meinen eigenen Hirndreh bezüglich Waffenliebe als derart köstliche Intellekterleuchtungserfahrung in Erinnerung habe, dass ich schauen möchte, ob da nicht noch mehr zu holen ist. Beim Thema Waffen gehöre ich mittlerweile nicht mehr zu den USA-Kritikern, es hat nach viel Lesen und Dokumentationen schauen irgendwann Klack gemacht. Aber wie steht es mit dem ein oder anderen Ami-Ungeist?

George Washington, bekanntlich erster Präsident der USA und Namensgeber der Hauptstadt derselben, wuchs in bereits dritter Generation auf dem „neuen“ Kontinent auf. Gesegnet mit eher wenig Talenten und noch viel weniger Schulbildung blieb ihm zunächst nur die Möglichkeit einer niederen Offizierslaufbahn in Diensten des englischen Königs. Engländer, der er seinerzeit noch war, wurde er aufgrund seiner sehr mannhaften Gestalt und eines schon stoisch zu nennenden Gemüts ausgewählt einige Himmelfahrtskommandos auszuführen, bei denen es immer gegen die Franzosen und die Indianer ging, die gemeinsame Sache machten (wobei die Indianer, was mir neu war, sehr flexibel waren, was das anging, gerne auch mal mitten in einer Schlacht die Seiten wechselten). Hier haben wir einen ersten solchen Knackpunkt US-amerikanischer Geschichte und damit verbunden die Frage, wie man moralisch damit umgehen sollte, dass lange vor den Europäern da halt schon wer war auf diesem Kontinent. Washington beantwortete diese Frage – so viel viele anderen danach – nüchtern: Man müsse die Indianer gar nicht bekämpfen, dafür gäbe es keinen Grund. Es kommen Tausende von Neueinwanderern, dann findet eine Vermengung statt, fertig. Er verstand sogar, dass Indianer Europäer angriffen, das sei logisch, weil berechtigt. Sinnigerweise war es gerade seine emotionslose Nüchternheit, die ihn in zumindest dieser Richtung ausnehmend friedfertig, vielleicht gar tolerant werden ließ.

„George Washington“ – also die Biografie – enthält viel Militärfirlefanz, mit Autor Joseph J. Ellis reiten wir von einer Schlacht zur nächsten, stapfen barfuß und blutend durch den kniehohen Schnee von Virginia, ärgern uns an der kanadischen Grenze über die allgegenwärtigen Engländer. Von denen Washington sich zunehmend abwendet. Und wieder sind es nicht so sehr pathetisch-eitle Gefühle, sondern knallharte wirtschaftliche Grunde, die Washington zum Gegner der „hohen Herren“ in England machen. Er hat sich mittlerweile als Pflanzer selbstständig gemacht und kommt auf kein grünes Blatt, weil die Herrscher im fernen England ihn mit dieser und jener Steuer und allen möglichen Schikanen belegen, die allesamt nur zeigen, dass sie keine Ahnung haben, wie es ist vor Ort in Amerika und es ihnen offenbar auch herzlich egal ist. Zwar weißt Ellis daraufhin, dass die Quellen ziemlich gut belegen, dass die „hohen Herren“ in England sich hier nichts haben zuschulden kommen lassen und Washington an seiner finanziellen Misere auch reich selbst schuld trägt, doch was soll`s. Der Furor ist entfacht, das Gefühl, von einer fremden Macht an einem entfernten Ort regiert und bevormundet zu werden ist in der amerikanischen Luft – und wird nie wieder daraus verschwinden.

Es verbietet sich nun hier die weitere Geschichte bis zur Gründung der USA zu beleuchten, festzustellen ist jedoch, dass Ellis auf interessante Weise immer wieder aufzeigt, wo heutige Probleme der USA ihren Anfang nahm und, besonders wichtig, in welchen Gemütszuständen sie entstanden. Die „Society of Cincinnati“ beispielsweise war ein Orden, gegründet von ein paar Offiziere des Unabhängigkeitskrieges. Zunächst eine Austausch- und Interessensgemeinschaft von Veteranen, die tatsächlich nicht nur die Birne hingehalten hatten für den neuen Staat USA, die zurecht von sich behaupten konnten, dass ohne sie gar nichts passiert wäre, immer noch die Engländer in New York stünden. Ja, diese Männer waren stolz. Und wollten nicht, dass jeder Depp mitmachen darf in ihrem feinen Club, der nicht durchgemacht hatte, was sie durchmachen mussten. Washington, Kriegsheld und US-Präsident, war natürlich Vereinspräsident. Und dann kam die Idee, dass nur erstgeborene Söhne automatisch Mitglied werden. Es war der tatsächlich weise Benjamin Franklin, selbst nicht Mitglied, der Washington zunächst humorvoll darauf aufmerksam machte, dass das biologischer Unfug ist, weil das tolle Heldenblut ja nicht komplett weitergeben wird, sondern verwässert und in paar Generationen wäre es eine komplett heldenlose Veranstaltung. Um dann ernstafter hinzuzufügen, dass dieser Orden auf diese Weise letztlich der Beginn eines Adels ist, der Versuch einer Aristokratie, also genau der Mist, den man am Mutterland England so gehasst hat, wegen dem dem diese Veteranen doch ihre Köpfe hingehalten hatten. Erst was loswerden, um es dann selbst anzuschaffen erschien Franklin als nicht nur unsinnig, sondern auch gefährlich.

Ob Washington aus der Nummer herauskam, lohnt sich nachzulesen. Wie es auch lohnt, sich damit zu beschäftigen, wie Washington, einer der weltgrößten Freiheitskämpfer, zugleich aber in späteren Jahren auch wohlhabender Plantagenbesitzer, denn zu Sklaven stand. Man darf sich wundern.

2 Kommentare zu “Von Abknallenden und Abgeknallten. Soeben ausgelesen: Joseph J. Ellis – „George Washington“ (2004)

  1. Bludgeon
    3. Dezember 2021

    Genau. Schließe mich Stefanie an. Washington? Hätte mich eigentlich nicht gejuckt – aber so ein Appetieter hier? Hm. Mal sehen. Wenn mir demnächst der Lesestoff aus meinem geliebten 19. Jhd. ausgehen sollte…

    Gefällt 1 Person

  2. Stefanie
    3. Dezember 2021

    Spannend. Danke

    Gefällt 2 Personen

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