David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Scham, bodenlos. Oder: Und, welche Frauen habt ihr 2021 gelesen?

Nun ist es doch noch passiert. Seit mittlerweile Jahren schallt es mir aus den Mündern der ach wie aufgeweckten Identitätsbewegung entgegen, seit Jahren schreiben auch große Teile des Feuilletons gegen meinen so unflexiblen, gleichermaßen stumpf- wie starrsinnigen Geist an, rufen: Der alte weiße Mann ist das Problem! Derweil ich mich all dem verweigere, wie einstmals Falco in seinem legendären Videoclip zu „Jeanny“ zwangsbejackt jaktierend in meiner Mentalgummizelle hocke, mit geschlossenen Augen brülle, dass Jeanny doch stattdessen bitte endlich quit living on dreams soll. Während Jeanny selbst, wir erinnern uns, draußen vor der Zelle hockt, durchs Gitter reinschlinzt und sich einen gackert.

Doch: Vorbei, ich bin bekehrt, ich schlinzgackere fortan mit. Das deutsche Fernsehen hat in den letzten Wochen vollbracht, woran die dauergendernde Anne Will so fulminant scheiterte. Ja, endlich kriege auch ich so richtig Würgereflexe, wenn alte weiße Männer derart schamlos reanimiert werden wie zuletzt. Gottschalk, Waalkes, Kerkeling. Helden meiner Jugend, Ikonen – alle zurück für ein kurzes TV-Intermezzo. Hätte es auch schön werden können? Nein, hätte es nicht. Selten habe ich mich durch die Bank so ausgiebig und oft geschämt wie zuletzt. Als dann Jauch zu seiner letzten Jahresrückblicksshow schritt und mir gestern wie zum Hohn auch noch der unkaputtbare Schamöhr Howard Carpendale seine neue Weihnachtsplatte in einer Morgensendung ungefragt vor den Latz schamöhrte, da war es passiert: Ich sehnte mich erstmalig nach einer Frauenquote sehnte. Ich meine seit Jahren predige ich, dass es ein Klischee ist, dass alte Männer nicht von der Macht lassen können, dass es gar nicht stimmt, dass die sich bis ins Grab hinein für unersetzlich halten. Ich hatte echt richtig Fortschritte gemacht, Überzeugungsarbeit geleistet in der Gesellschaft. Und jetzt dieses Fiasko, das komplette und totale Gender-Waterloo. Man fragt sich, warum sich diese Granden das alles noch mal antun, den eigenen Ruf (und im Übrigen auch ein Stück meiner Jugend) dermaßen mit Anlauf ramponieren. Halb zog es ihn, halb sank er hin?

Nun, um dem hartnäckigen Modergeruch abgestandener Altmännerwitze etwas entgegenzusetzen, ordentlich durchzulüften, komme ich heute zu meiner Jahresabschlussliste. Das passt thematisch ganz gut, denn als ich im vergangenen Jahr 2020 stolz eine solche präsentierte, wies mich die Schriftstellerin Nikoletta Kiss wundenpuhlend und achillessehnend darauf hin, dass da ja beschämend wenige Frauen drin sind (ich glaube 7 von 75 waren es). Dass ich immun gegen Frauenkritik bin, merkt man daran, dass es in diesem Jahr 2021 nun 16 von 56 sind. Der Anteil stieg also binnen 12 Monate von 9,3% auf 28,6%. Klar, in den Himmel komme ich erst ab 80% aufwärts, Seligsprechung gibt es, je nach Milieu, ab 90% aufwärts, und doch sind das derart aufgeweckte Zahlen, mit denen könnte ich glatt für irgendwas bei den Grünen kandidieren. Vorausgesetzt natürlich es kandidiert nicht gleichzeitig eine Frau für die gleiche Position. Dann darf ich natürlich nicht, weil….weil….ehm, wie war das noch…weil…ach ja: Jeanny!!! Life is not what it seems!!

Genug der Possen(aus)reißerei. Um die gesellschaftliche Schande meines Geschlechts (und bald auch meines Alters) zu tilgen, untenan (unter dem Video) also die Liste der Bücher aus Frauenhand, die ich 2021 las. Zu allen finden sich ausführliche Rezensionen auf meinem Literaturblog, an Frau Strubel und Madame Nothomb schreibe ich noch. Und, welches der Bücher habt ihr auch gelesen?

Kleiner Hinweis noch: Auf dem Foto sind die entsprechenden Bücher, die ich für 2022 schon auf Halde, aber noch nicht gelesen habe. Und die Zahlen 1 bis 5 in der Übersicht sind meine subjektive Bewertung, 5 ist der Bestwert, bedeutet soviel wie „famos – wäre sie ein Mann wäre es längst ein Bestseller, ungerecht! 1 heißt entsprechend: „Misogynie – wäre sie ein Mann, der Wonschnapski hätte sie besser bewertet!“.

Minka Pradelski – Es wird wieder Tag 2020 5

Ottessa Moshfegh – Der Tod in ihren Händen 2021 5

Volha Hapeyeva – Camel Travel 2021 1

Nikoletta Kiss -Das Licht vergangener Tage 2019 5

Beate Hausbichler – Der verkaufte Feminismus 2021 3

Elfriede Jelinek -Die Ausgesperrten 1980 5

Ljudmila Ulitzkaja – Eine Seuche in der Stadt 1978/2021 2

Judith Sevinc – Basad Schäm dich 2021 4

Dana Grigorcea – Die nicht sterben 2021 2

Ariana Harwicz -Stirb doch Liebling 2012 3

Theresa Rath – Liberdade 2021 3

Mithu Sanyal – Identitti 2021 4

Antje Ravik – Strubel Blaue Frau 2021 5

Amelie Nothomb – Die Reinheit des Mörders 1992 5

Yoko Ogawa – Insel der verloreren Erinnerung 1994 (noch in Leserei begriffen)

2 Kommentare zu “Scham, bodenlos. Oder: Und, welche Frauen habt ihr 2021 gelesen?

  1. amanita
    9. Dezember 2021

    Romane von Frauen verursachen bei mir (Frau ohne * und nicht LBGTQVWXYZ+-: ) zu 90 % Gähnkrämpfe. Gründe: Fehlende Sprachwucht trotz beanspruchten Erlebnisreichtums, Neigung zu subjektloser Parataxe („Gehe zum Schrank. Blicke hinein. Sehe nichts. Schalte das Licht an. Sehe Schwarz. Sehe meine schwarzen Kleider, säuberlich nebeneinander gehängt. Kann mich nicht entscheiden. Drehe mich um. Schalte das Licht aus. Gähne. Gähne noch mal. Gähne zum dritten Mal.“ … usw. ad nauseam.
    Unangemessenes Herumhacken auf Männern, die gleichzeitig freudig und unermüdlich dafür sorgen, dass die Heldin sich NIE um ihren Arbeitsplatz, notwendige Anschaffungen wie „Manolo Blahniks“, Reisen ans Ende des Touristenkitsches oder ihren großzügig bemessenen Wohnraum sorgen muss. (Das findet meist in den etwas trivialeren Ecken der weibl. Schreibkunst statt, doch fällt es gelegentlich auch in der gehobenen Literatinnenklasse auf.)
    In jedem weibl. Literaturprodukt kommt unweigerlich der Moment, wo die Heldin nackt vor dem Spiegel steht. In der Trivialliga: Um Falten und Kilos zu zählen. In der höheren Liga: Um über das bisher gelebte Leben zu filosofieren.
    Ganz schlimm ist das derzeit modische Abschweifen in die Küche, nebst oralen Ausschweifungen aller Art. Man merkt, dass die Damen Literatinnen beim Schreiben hungern (Diät, oder keine Zeit zum Einkaufen?), da sie vom Essen so besessen sind.
    In weibl. Literaturprodukten MUSS mindestens eine der dargestellten Personen in Portugal, Barcelona oder in einem ostdeutschen Bundesland (ländlicher Raum) leben, sich dort aufhalten oder Erinnerungen daran haben , oder verwandt oder bekannt mit jemandem sein, der, siehe oben.
    Eigentümlich ist der weibl. Kontrast zwischen (vorgeblich) sensibler Seele und feinfühliger Beobachtung und parallel dazu in unfeiner Sprache hingebretterter Sexszenen, die wie aus der Männerwelt geklaut wirken.
    Ganz schrecklich finde ich historische Romane ( sowohl trivial als auch literarisch), die Menschen mit der Denke und Haltung von heute, nur eben ohne Sneakers, Breitling und iBook, in das Jahr 1645 oder 1825 zurückkatapultieren. Bitte SEIN lassen, historische Romane können ausschließlich Männer!!!
    Leuts weibl. Geschlechts, ich lese euch immer wieder gern, aber ihr enttäuscht mich meistens!
    Positive Gegenbeispiele und echte Oberliga sind für mich:Karen Duve, Elfriede Jelinek, Christine Nöstlinger 🙂

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  2. Bludgeon
    7. Dezember 2021

    So. Wegen der Reanimation der Scheintoten im TV der letzten 14 Tage hast du mal schnell 15 Werke von Autorinnen gelesen?
    Gloobig nüsch!

    Rückwirkende Alibis hat auch der inflationäre Tatort noch nicht erfunden.

    Ich hab ÜBER Frauen gelesen: Da sie nun mal in jedem Roman mit von der Partie sind. Heyse aristokratiert,vergöttert und vernascht sie, auch wenn sie aus einfachen Verhältnissen kommen. Freytag schablonisiert sie, weil er vermutlich in seinen 3 Ehen relativ glücklicher Pascha sein durfte, brauchte er die Anhimmelei als Kompensation nicht – und Raabe ist die teils/teils-Variante zwischen beiden. Vater von 4 Töchtern. Da verabschiedet sich das Anhimmeln des andern Geschlechts praktisch wie von selbst.

    Meine Frau liest so die Frauenromane, wie sie auch im TV verhackstückt werden und erzählt sie mir dann und wann. Das ewig gleiche Frauenpowerklischee: Ich liebe dich, aber ich bin stark, also hau ab!

    Und das is halt nix für mich. Wenngleich ich gestehe, dass die zeitweiligen Happyendings in Heysenovellen auch sowas Realitätsverzerrendes an sich haben. Deshalb gilt für beide Hälften gleichermaßen:

    Ponyhof adult version.

    Somit sind Autorinnen bei mir Mangelware: Berta von Suttner „Die Waffen nieder!“ DAS war allerdings richtig stark!
    Und Antonie Spielhagen, die als „Paul Robran“ leider nur eine handvoll Novellen hinterließ.

    Also ein paar Ausnahmen gibts da schon.

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Dezember 2021 von in Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , , .
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