David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Armer Deutscher Buchpreis. Oder: Das Scholz-Phänomen. Antje Rávik Strubel – „Blaue Frau“ (2021)

von David Wonschewski

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2021 wurde die „Blaue Frau“. Puh. Das ist natürlich doof und das aus gleich zweierlei Gründen. Zunächst einmal, weil so ein aufetikettiertes Lob die Erwartungshaltung des Lesers in unrealistische Höhen schraubt. Alles, was mir nicht minimum die Schädelplatte wegfliegen lässt und dafür sorgt, dass ich die Welt danach aber einmal so was von mit neuen Augen sehe, tja, wäre eine ziemliche Enttäuschung. Man erhält so eine fast schon national klingende Auszeichnung schließlich nicht für „och naja, liest sich ganz fluffig weg“. Oder etwa doch? Die potenzielle Fallhöhe von „Blaue Frau“ ist somit schon ab Seite eins immens. Armes Buch, arme Frau Strubel. Armer Deutscher Buchpreis. Noch größer aber ein anderes Problem, wenn auch ein vielleicht rein subjektives: Bei Preisverleihungen kunstkultureller Art gewinnt selten das heftigste, mutigste und/oder aufregendste Buch, sondern in der Regel der juroreninterne Konsenskandidat. Der, der möglichst wenigen wehtut, der, der alle ein wenig gut dastehen lässt. Wirklich aufregende Kunstwerke werden selten ausgezeichnet, aus eben genau dem Grund, dass irgendwer sich immer genug darüber aufregt, um die Krönung zu verhindern. Ein Veto einlegt. Preisentscheidungsgremien machen gerne den Fehler, sich als Basisdemokratie zu begreifen, die für das Wohl der Menschheit verantwortlich ist. Mit Murks als logischer Folge. Ja, ich weiß, wovon ich rede. Dreimal saß ich bei größeren Musikwettbewerben selbst in einer solchen Jury. Ich sage nur: Halleluja. Es fing jedesmal so nett und aufrichtig an, jeder Juror hatte so einen Formzettel, vergab während des laufenden Wettbewerbs Punkte, am Ende wurden diese Punkte dann zusammengezählt, eine Rangliste erstellt. Nun könnte man meinen, dass die oder der mit den meisten Punkten dann den Preis gewonnen hat. Hahahahaha. Und nochmal: Hahahahaharrr. Gut, ich versuche es weniger albern: Nein, haben er und sie nie. Der Zweite, Dritte, Vierte im Übrigen auch nicht. Der Fünfte gewann ganz gerne mal. Oder die Sechste. Denn der hatte so einen grundsoliden Egal-Auftritt vorgelegt, dass sich kein Juror bemüßigt sah mit hochrotem Kopf zu zürnen: „Diese…Entscheidung…. trage…ich…nicht!“. Hatte auch nicht in einem Interview mit der Postille X den Nebensatz Z fallen lassen und machte sich mit seinen langen Haaren und dem Batikshirt überhaupt vielfältiger auf dem Endsiegerfoto als der mit dem Hemd und dem Mittelscheitel. Man will ja eine Botschaft in die Welt senden und so. Die mit den meisten Punkten gewann nicht, weil sie letztes Jahr schon gewann. Wie stehen wir denn dann da, so als Veranstalter. Jaja. Und das sind noch die nachvollziehbareren Gründe. Würde ich erzählen, aus welchen Gründen hochbepunktete MusikerInnen sonst noch so keinen Preis erhielten, wir würden alle zu Verschwörungsfreunden. Fassen wir zusammen: Zumeist werden Preisträger die, die in Sachen Allgemeinverträglichkeit und Wutentfachungsvermeidung nicht ganz so viel falsch gemacht haben wie die mitnominierten Konkurrenten. Das sogenannte Scholz-Phänomen.

Wohlgemerkt, das ist ein persönlicher Erfahrungswert, der zunächst einmal nichts mit „Blaue Frau“ zu tun hat. Ich bin, was Kulturpreise angeht,einfach ein gebranntes Kind. Geht ja nicht nur mir so, beim Filmoscar kennen das viele. Wenn ich Lust auf einen hochnotpeinlichen Fremdschämfilm habe, der knietief im Klischeekitsch watet, dann schaue ich immer, wer denn so den Oscar als bester Film gewonnen hat zuletzt. Schaue mir dann beispielsweise „Green Book“ (Gewinner 2019) an und weiß: Mein oben skizziertes Wahrnehmungssystem steht weiterhin in voller Blüte. Hätte ich damals in der Oscar-Jury gesessen, ich hätte den auch ausgezeichnet. Da lässt sich bei der Verleihung im Dolby Theatre in Los Angeles so wunderbar ergriffen vor den Livekameras Standing Ovations mimen, Reden schwingen. Sind ja allesamt wirklich tolle Schauspieler da, die wissen, was sich gehört, wenn die Welt zuschaut. Das großartige und latent themenverwandte „BlackKklansmann“ war auch nominiert, kannst du aber natürlich nicht zum Gewinner küren. Schließlich ist das Dolby Theater knallevoll mit weißen privilegierten MillionärInnen. Kein Witz, das geht beim Titel los. „Green Book“ ist, auch wenn es inhaltlich eine Tiefe besitzt, das verbalisierte egal. Spike Lee hingegen forderte mit seinem Titel geradezu dazu auf Position zu beziehen. Auch im Gesicht, bei einer potenziellen Preisverleihung, vor Millionenpublikum.

Aber lassen wir das. Wichtiger: Habe ich es nun geschafft? Einen honorablen Preis so gedreht, dass er als Kunstmakel zu verstehen ist, Kondolenzbotschaften an Frau Strubel zu richten sind, dass ihr Roman durch den Deutschen Buchpreis unverschuldet derart immens an Wert verloren hat? Bestens. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Zumal ich auf diese Weise der Frage aus dem Weg gegangen bin, ob ich als Autor nicht vielleicht einfach nur bockneidisch bin. Weil immer alle anderen Preise gewinnen und ich nie und so. Klar bin ich das, aber hallo, und wie. Wenngleich das nichts an meiner generellen Beurteilung von Preisen ändert. Würde ich den Deutschen Buchpreis gewinnen, ich würde es als Motivation verstehen. Endlich mal was an meinem Schreibstil zu ändern. Und an den Themen. Bisher denke ich ja, gleichermaßen verblendet wie naiv, ich mache alles richtig. Preislosigkeit als Alibi.

Ganz schön viel Aufgalopp für einen Verriss? Scholz, ähm, falsch. Das wird kein Verriss. Im Gegenteil, es wird ein kleines pathetisches Rührstück á la „Verlorener Sohn“. Wie einer der Preisverleihungsindustrie grollend den Rücken kehrte. In die Fremde zog, nach neuen Fixsternen suchte, solche aber nicht fand. Daher immer wieder zurückblickte, heimlich, zweifelnd, hoffend. Und nun, angeregt das Hirn, voll das Herz, belohnt wurde.

Ich sagte doch es wird pathetisch.

„Blaue Frau“ ist ein wahnsinnig tolles, intensives und wichtiges Buch. So, nun ist es raus. Man wundert sich fast, dass es mit dem „Deutschen Buchpreis 2021“ ausgezeichnet wurde, ist es eigentlich zu gut für. Nein, im ernst, von der Auszeichnung fühle ich mich kein Stück veräppelt, verhohnepipelt oder verscholzt. Ich rate jedem es zu lesen. Ganz einfach.

Die 21-jährige Adina kommt aus einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze zunächst nach Berlin, wir schreiben das Jahr 2000 in etwa. In Berlin landet sie unversehens und vor allem reichlich unbedarft in einer sehr feministischen und nicht minder kreativen Frauencommunity, hält es dort jedoch nicht lange aus und zieht weiter in die Uckermark, auf ein Landgut, da sie dort die Möglichkeit hat, ein wenig Geld zu verdienen. Dort trifft sie auf den westdeutschen „Multiplikator“ Johann Manfred Bengel, der über Kontakte bis in höchste Lobbykreise verfügt und daher, so deutet er es zumindest mächtig an, die Fähigkeit hätte das Landgut vor dem finanziellen Ruin zu retten, überhaupt der ganzen siechenden Gegend auf die Beine zu verhelfen. Der Chef des Landguts schmiert ihm also ordentlich, wie sagt man?, Sahne um den Bart? Senf ins Hirn? Ha, egal, kriecht ihm in den Allerwertesten, richtet Feste für ihn aus und karrt möglichst viele junge Osteuropäerinnen an. Schließlich hat Bengel gerade für die etwas, was mit Vorliebe nur unzureichend umschrieben ist. Fetisch trifft es eher. Russinnen sind ihm am liebsten, ergo wird Adina gedrängt, doch einfach „einen auf Russin“ zu machen und ein wenig nett zu Bengel zu sein. Dummerweise hat Adina sich zuvor einige finanzielle Idiotien geleistet und fühlt sich entsprechend verantwortlich dem Gutsbesitzer hier zu helfen… Den Rest der Geschichte spare ich mir, wir ahnen ihn nicht nur, wir kennen ihn, plötzlich sind alle aus dem Raum, nur Bengel und Adina noch da, es passiert. Später? Später versuchen alle sie mundtot zu machen, ihre Vorwürfe zu zerstreuen, das große „ja, aber, du wolltest es doch auch“….

Strubel erzählt Ihren bewusst chaotisch aufgesetzten Roman – es kommen auch viele Szenen in Helsinki und Harrachov vor – nicht chronologisch, sondern führt den Leser durch ein Gestrüpp an Situationen, deren Verbindung, das Leid, man sich erst nach und nach erliest. Unterbrochen werden die Szenen dabei durch immer sehr kurze, geradewegs hingetupfte Dialoge mit der titelgebenden blauen Frau, wobei es bis zum Schluss dem Leser obliegt zu entschlüsseln, was es damit auf sich hat.

Natürlich ist „Blaue Frau“ zuvorderst die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs und somit das letztlich 500. Buch im mittlerweile sattsam bekannten me too-Fahrwasser. Und hätte die „Blaue Frau“ nur das als Thema auf dem Einbanddeckel stehen gehabt, ich hätte den Roman nicht gelesen, da will ich ehrlich sein. Da gibt es aber noch etwas, fast genauso groß: Das Machtgefälle zwischen Ost und West. Und genau das bildet Strubel auf eine Art und Weise dar, wie ich es in dieser unheilvollen Vermengung bisher noch nie lesen durfte, obschon ich schon seit geraumer Zeit nach solchen Büchern suche, ja überhaupt das nächste große Literaturding dahinter wähne. Die Westeuropäer, die im Winter als Urlauber in das tschechische Bergdorf einfallen und die Einheimischen wie verblödetes Eigentum behandeln. Die Berliner Feministinnen, die vor lauter eigenem Opfergejohle offenbar gar nicht merken, wie übergriffig sie sich verhalten gegenüber einer Osteuropäerin. Das uckermärkische Landgut, der ganze Landstrich, der die ach wie tolle Vereinigung bis heute nicht so recht verdaut hat….

Die harte Einsicht, die „Blaue Frau“ bietet, ist nicht die, dass einem Mann ein solcher sexueller Missbrauch nicht passiert wäre. Die harte Einsicht ist die, dass zumindest in diesem Setting er auch einer westeuropäischen Frau nicht passiert wäre. Die Sehnsucht ,Diskriminierung auf nur ein Identitätsmerkmal herabzustutzen, war schon immer groß, aber auch schon immer irreleitend. Antje Rávik Strubel zeigt eindrucksvoll, dass selbst die ekelhaftesten Lebenssuppen aus vielen Zutaten bestehen.

Großes Buch, vielen Dank. Bleibt nur eine Frage: Wann ist das nächste Mal Oscar-Verleihung?

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Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

2 Kommentare zu “Armer Deutscher Buchpreis. Oder: Das Scholz-Phänomen. Antje Rávik Strubel – „Blaue Frau“ (2021)

  1. davidwonschewski
    22. Dezember 2021

    Danke für die Rückmeldung, Angelika. Ja, in der tat, ich verstehe es absolut, wenn Leserinnen oder Leser wenig damit anfangen können. Interessanterweise kenne ich mehr Frauen, die das Buch nicht so mögen als Männer. Keine Ahnung, ob das einen Grund hat. Viele Grße!

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  2. Angelika Kapeller
    22. Dezember 2021

    Wenn ich einen mit einem Buchpreis ausgezeichneten Roman lese, dann erwarte ich nicht, dass er chaotisch aufgesetzt ist – und das ist er wirklich – und ein Gestrüpp an Situationen bietet, sondern in allem Bereichen Hand und Fuß hat
    Für mich ist/war das Buch einen große Enttäuschung.
    Das Geheimnis der „Blauen Frau“ konnte ich bis dato nicht entschlüsseln. Vielleicht steht sie ja in Zusammenhang mit dem „letzten Mohikaner“, der Adina ja im Verlauf der „Handlung“ abhanden gekommen ist. Aber nur vielleicht.
    Schade, dass ich dafür Geld ausgegeben habe.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Dezember 2021 von in 2021, 5 Sterne, Soeben ausgelesen, Strubel, Antje Rávik und getaggt mit , , , , , .
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